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Geschichte
Als die Gründungsväter mit dem Karate in Deutschland begannen, hatten sie nicht irgendwelche Verbandsstrukturen und offizielle Organisationen im Sinn, sondern lediglich das Erlernen des Karate – oder was sie darunter verstanden – und den Weg des Karate-Dô. Vom Selbstverständnis sahen sie sich als Karatekas und nicht als Sportler. Hätte es zur Debatte gestanden, die Mehrheit von ihnen hätte sich gegen die Teilnahme des Karate an den Olympischen Spielen ausgesprochen. Es waren Junge Menschen, welche z. B. vorher schon Judo betrieben hatten, in irgendwelchen Pfadfindermagazinen von Karate hörten oder durch Zufall eine Person kennenlernten, welche selbst zufällig gerade zum Karate gekommen war. Von der Altersstruktur waren es Auszubildende und Studenten.
Heute versteht der Deutsche Karate Verband e.V. (DKV, www.karate.de ) sich als das große Haus der Karateka in Deutschland und als deren offizieller Vertreter. Jede Stilrichtung oder Gruppierung kann Mitglied in dieser großen Gemeinschaft sein, sofern sie deren Statuten anerkennt und befolgt. Der DKV ist aufgrund seiner Entwicklung, seiner Mitgliederstärke und seiner Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund (DSB) im positiven Sinne ein Sportverband wie jeder andere geworden. Die damit verbundene Anerkennung von demokratischen Strukturen und Toleranz bedeutet, dass hier jedermann sein Karate betreiben kann, sofern er sich satzungskonform verhält. Dies bedeutet wiederum, dass der spirituell ausgerichtete Karateka neben dem Sport- oder Fitnesstreibenden Mitglied hier seine sportliche Heimat finden kann.
Wenn wir die Geschichte unseres Karate in Deutschland aufzeigen wollen, so muß darauf hingewiesen werden, dass es über viele Geschehnisse aus der Anfangszeit keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt und man auf die mündlichen Aussagen derer angewiesen ist, welche diese Zeit miterlebt und gestaltet haben. Dies bedeutet, daß viele Schilderungen und Ansichten, weshalb sich viele Dinge so und so entwickelten auf einer gewissen subjektiven Basis beruhen. Eine Aussage, daß die Eastern-Welle der Kung Fu-Filme, z. B. die des Schauspielers Bruce Lee, zu Beginn der 70er Jahre das beginnende Mitglieder- wachstum in den Vereinen auslöste oder begünstigte, ist reine Spekulation. Es könnte so gewesen sein. Eine empirische Untersuchung hierüber gibt es nicht.
Der Weg in die westliche Welt
Bedingt durch die Niederlage im 2. Weltkrieg 1945 begann sich Japan unter Einflußnahme der USA erneut dem Westen gegenüber zu öffnen. Zunächst war es den Japanern durch die Alliierten verboten, sämtliche Budôsportarten zu praktizieren. Es waren dann aber amerikanische Soldaten, welche als erstes wieder Karate, Judô, Kendô usw. unter der Anleitung von japanischen Senseis trainierten. Masatoshi Nakayama: „Auf Wunsch der Offiziere und Soldaten der amerikanischen Luftstützpunkte, die damals überall in Japan stationiert waren, machten wir Budôvorführungen. Von unserer Universität gingen Nishiyama, Okazaki und Irie mit mir zu den Vorführungen, manchmal auf den Landstützpunkten, manchmal auf den Docks der Kriegsschiffe. Ab und zu kam auch Sensei Funakoshi mit.
Die amerikanische Luftwaffe entsandte daraufhin eine Mannschaft von ca. 20 jungen Offizieren und Unteroffizieren aus den USA zu uns, die drei Monate lang Budô kennenlernen und trainieren sollten (Judo, Karate, Kendo und Aikido). Diese Soldaten waren Ausbilder für Leibesübungen in ihren Einheiten. Die Amerikaner kamen über zehn Jahre lang gruppenweise zum Training in unser Universitätsdôjô. 1956 besuchten uns die Generäle Roberts und Clark, um sich das Training der Offiziere anzuschauen. Dieses Gruppentraining wurde zu einem Sprungbrett für die Ausbreitung des Karate in den USA und Kanada, sondern auch in Europa. In dieser Zeit erhielten die Karateka Nishiyama, Obata und Kamata Einladungen in die USA, um amerikanische Stützpunkte zu besuchen und Soldaten zu trainieren“.
Masatoshi Nakayama: Auszug aus 50 Jahren Geschichte des Karate-Clubs der Takushoku-Universität 1932/33/Deutsche Fassung: Tomie Ochi/Fritz Wendland/DKV-Fachzeitschrift 6/87, S.6. Andere Karatestilrichtungen hatten auf die gleiche Weise Kontakt zu den amerikanischen Soldaten. In die Heimat wieder zurückgekehrt, entdeckten die Soldaten unter ihren amerikanischen Mitbürgern japanischer Herkunft hervorragende Budô-Lehrer. Gleichzeitig besuchten viele japanische Budô-Lehrer regelmäßig die Vereinigten Staaten, einige blieben dort und sicherten sich mittels ihrer Kampfkunst ihre Existenz. Bis Mitte der fünfziger Jahre hatte sich das Karate flächendeckend über das Gebiet der USA verbreitet.
Karate kommt über Frankreich nach Deutschland
Auf Initiative des französischen Karate-Pionier Henry D. Plée kam der japanische Karateinstruktor Hiroo MOCHIZUKI 1957 für ein Jahr an dessen Kampfsportschule nach Paris. 1958 folgte ihm Tetsuji MURAKAMI, welcher aus der gleichen Budô-Schule, dem Yoseikan mit Sitz in Shizuoka, stammte.
Das Karate wurde von Jürgen Seydel im Herbst 1957 mit der Gründung des Budôkan Bad Homburg in Deutschland eingeführt.
Da die Turnhalle nur einmal in der Woche zur Verfügung stand, fand das Training auch in den Gängen des Schulhauses auf Steinfliesen statt. Jürgen Seydel hatte zuvor Jûdô praktiziert. In einer französischen Jûdôzeitschrift war er auf einen Karate-Sommerlehrgang in Südfrankreich mit Hiroo MOCHIZUKI aufmerksam geworden. Mit zwei weiteren Jûdôkas nahm er an dem Lehrgang teil. In einem Interview sagte Jürgen Seydel einmal: „Als ich mit dem Karate anfing, besaß ich ein Lehrbuch, das – wie ich später feststellen mußte – genauso unbrauchbar war wie eine mittelalterliche Seekarte für die Admiralität der britischen Marine. Wir haben Fehler über Fehler gemacht, mußten nach jedem Lehrgang Streichungen und Verbesserungen vornehmen und erlebten eine Panne nach der anderen. Ich weiß seitdem, wie wichtig ein gutes Lehrbuch ist.“(2) (2) Velte, H. Karate Fachwört. Lexikon, S. 14
Trainingsbeginn und Gründung des DKB
„1957: In Bad Homburg trifft sich ein Dutzend Jûdôka allmorgendlich um 6 Uhr. Der Kreis nennt sich „Karate-Lehrgruppe“ und trainiert in aller Stille. Nur wenige bekundeten Interesse für diesen fremdartigen Sport, zumal der Ausbilder kaum mehr über Karate weiß als seine Schüler. Man übt aus der Erinnerung an einen dreiwöchigen Lehrgang in Südfrankreich unter Hiroo MOCHZUKI und nach französischen Lehrbüchern. Der Hauptteil des Trainings besteht aus Kihon-Kumite: Angriffe und Abwehren, jedesmal über die ganze Länge der Turnhalle hinweg, vor und zurück. Noch weiß die Öffentlichkeit rein gar nichts über diesen Sport. Man lächelt und macht sich unverhohlen lustig über den kleinen Kreis von Phantasten, die sich tatsächlich einbilden, aus ihren seltsamen Bewegungen einen neuen Kampfsport kreieren zu können.
Im Oktober setzt die Gruppe einen Lehrgang an: 10 Tage wird von früh bis spät trainiert – im Schloßhof der Freusburg und auf den Waldwiesen. Jeder Teilnehmer hat ein Strohpolster mitgebracht, das erste Training am Makiwara findet statt. Im November besucht der Übungsleiter einen Ausbildungslehrgang in Paris und vermittelt seiner Gruppe den ersten japanischen Lehrmeister – Tetsuji MURAKAMI. Der große Lehrgang findet 1958 statt, auf den Wiesen des Forellenbades in Bad Homburg-Dornholzhausen. Aber für die 30 Teilnehmer, die aus Deutschland und Österreich einreisten, ist das Gezeigte derart neu und ungewohnt, daß man etwas ratlos nach Hause zurückkehrt. Mit den geringen Anfangskenntnissen kann niemand zurechtkommen. Selbst die aufgeschlossensten resignieren nach einigen Monaten, denn in ihrem Wohnort gibt es keinen Lehrer, und deutsche Fachbücher über diesen Sport sind nicht vorhanden. Der große Start war ein noch größerer Fehlschlag. Die kleine Gruppe gibt sich jedoch nicht geschlagen. Zwar findet im kommenden Jahr kein weiterer Lehrgang statt, doch das Training wird noch intensiver. Durch ein prominentes Mitglied der Gruppe – Elvis Presley – rückt Karate über Nacht ins Blickfeld öffentlichen Interesses. Man profitiert aus dieser Erkenntnis und reagiert prompt: der Zeitpunkt für eine große Werbekampagne ist gekommen. In Zeitschriften und Tageszeitungen erscheinen Aufsätze und Berichte, die Propaganda für einen weiteren Sommerlehrgang setzt ein. Rund 60 Teilnehmer reisen dieses Mal an, aber es regnet pausenlos, und das Training muß in den viel zu kleinen Saal einer Gaststätte verlegt werden. Es wird schichtweise unterrichtet, morgens ab 7 Uhr bis nachmittags 19 Uhr. 10 volle Unterrichtsstunden für den Übungsleiter, Tag für Tag. Lehrgänge dieser Art sollte es dann noch öfter geben; manchmal kamen 40 bis 50 Sportler, oft aber waren es nicht mehr als 7 bis 10. Lehrgänge auf Wiesen, in Gasthäusern, in einem Minidôjô von 60 Quadratmeter. Aber die Karatekas sammelten sich, die ersten Dôjôs entstanden. Unter dem hochtrabenden Namen „Deutsche Karate-Akademie“ trugen sich mehr als 100 Anhänger des neuen Sports ins Register ein. 1961 war dann das Jahr der großen Entscheidung. Wieder fand ein Sommerlehrgang in Bad Homburg statt, zum zweitenmal unter Tetsuji MURAKAMI. Am Ende des Lehrganges beschlossen die Teilnehmer, einen eigenen Fachverband für Karate aus der Taufe zu heben – den Deutschen Karate Bund.“(3) (3) Wendland, Fritz /Fachorgan des DKB 03/86 „25 Jahre Deutscher Karate Bund: 10 Jahre Deutscher Karate Verband“, S. 22
Jürgen Seydel: geb. 12.09.1917; 1939 begann er an der Bonner Universität mit Jûdô. Im Alter von 39 Jahren begann er mit dem Karate. Im Herbst 1957 Gründung des ersten deutschen Karate Dôjô in Bad Homburg. Zu jener Zeit war Seydel bereits vierzig Jahre alt, ein Alter, in dem andere nicht an einen Neuanfang im Sport denken, sondern sich die Masse der Sportler längst auf dem Altenteil ausruht. Nach der Gründung des Deutschen Karate Bundes (DKB) am 27. Juli 1961 wurde Jürgen Seydel der Leiter der Technischen Kommission, was der heutigen Position des Sportwart/ Sportdirektors entspricht. Inzwischen erster und einziger Schwarzgurt Deutschlands (von 1959 bis 1965), reiste er quer durch die Bundesrepublik, um Lehrgänge abzuhalten und Prüfungen abzunehmen. 1968 in München, anläßlich der 5. Deutschen Meisterschaft, verlieh ihm die Japan Karate Association die Ehrenmitgliedschaft und Masatoshi Nakayama graduierte ihn, in Anerkennung seiner Verdienste um das Karate in Deutschland, zum 3. Dan. Später war er Bundesvorsitzender und vom 1. Oktober 1969 bis zu seinem Ausscheiden Geschäftsführer. Seit Oktober 1980 hat er sich zurückgezogen und lebt in Usingen/Taunus im Ruhestand. Anläßlich der Feierstunde, „30 Jahre Karate in Hessen“ am 20.09.1987 in den Räumen des LSB Hessen, verlieh ihm DKV-Vizepräsident Fritz Wendland das Diplom zum 5. Dan der Japan Karate Association.




